Entspann‘ dich mal!

„Je weniger wir Trugbilder bewundern, desto mehr vermögen wir die Wahrheit aufzunehmen.“  –  Erasmus von Rotterdam

Kleider machen (keine) Leute

Ich hatte mich chic gemacht. Ich wollte mich mal wieder so richtig gut fühlen und der Welt zeigen, wie toll ich war. Jeder sollte sehen, wieviel ich wert war, und so hatte ich mein letztes Geld zusammengekratzt und in ein neues Outfit investiert.

In meinem langen Rock und auf meinen hohen Schuhe trippelte ich nun durch die wunderschöne Rottweiler Altstadt, auch das Ambiente sollte stimmen. Ich hatte mich zu meiner ganzen Größe aufgerichtet, denn aufrecht gehende Menschen strahlen Selbstbewusstsein aus und werden eher wahrgenommen.

Vor mit ging gerade ein Mann, der mich noch nicht bemerkt zu haben schien. Diese Tatsache kratzte an meinem Ego und ließ meinen Kampfgeist erwachen. Jeder sollte schließlich sehen, wie toll ich war, auch dieser Mann, und wenn er von alleine nicht auf mich aufmerksam werden wollte, dann musste ich eben etwas nachhelfen.

Hochmut kommt vor dem Fall

Ich beschleunigte meinen Schritt, um ihn noch zu überholen, bevor er gleich um die nächste Ecke verschwunden sein würde. Doch ich war das Gehen in so hohen Schuhe nicht gewohnt. Meine Schritte waren unsicher und auf einmal kam ich ins Rutschen. Den glitschigen Untergrund hatte ich nicht bemerkt, so sehr war ich mit meiner Wirkung beschäftigt gewesen.

Ausgerechnet in diesem Moment drehte der Mann vor mir sich um. Wie peinlich, denn von meiner tollen Wirkung war nun nicht mehr viel übrig geblieben. Ein Mensch, der kurz davor ist, das Gleichgewicht zu verlieren, sieht nur noch lächerlich aus – auch in Designerkleidung. Das Gesicht des Mannes verriet leichten Unmut als er zu mir sagte: „Nun entspann‘ dich mal und mach‘ langsamer!“

Verfehlte Wirkung

Ich war irritiert und empört zugleich. Nicht nur, dass er ganz offensichtlich ignorierte, was für eine tolle Frau ich war – er kritisierte mich auch noch! Dieser Typ hatte doch tatsächlich die Stirn zu behaupten, ich wäre nicht entspannt. Was glaubte dieser Kerl eigentlich, wer er war, dass er das Recht hatte, mich derart bloßzustellen?

Völlig perplex blieb ich stehen und hielt inne. Mein Vorhaben hatte einen gänzlich anderen Verlauf genommen als geplant. Der Mann war längst aus meinem Blickfeld verschwunden, doch seine Worte wirkten in mir nach. Wieso hatte er zu mir gesagt, dass ich angespannt wäre?

Seinem Unmut nach zu urteilen, musste er sich bedrängt gefühlt haben. Er hatte den Eindruck gemacht, als hätte er sich von mir unter Druck gesetzt gefühlt. Wenn dem tatsächlich so gewesen wäre, würde das bedeuten, dass meine Anspannung derart groß war, dass ein Mensch, der ein paar Meter vor mir ging, sich dadurch beeinträchtigt fühlte …

Hic et nunc

Ich spürte in mich hinein und tatsächlich – ich konnte eine Anspannung wahrnehmen. Konnte es wahr sein, dass ein anderer Mensch – vielleicht sogar alle anderen Menschen – bei mir etwas bemerkte, was mir selbst bisher verborgen geblieben war? Sollte an mir für andere etwas ganz offensichtlich sein, von dem ich nicht die geringste Ahnung hatte?

Wenn sowieso alle Welt in mir lesen konnte wie in einem offenen Buch, würde jede weitere Bemühung um eine tolle Erscheinung vergeblich sein. Die Wirkung würde augenblicklich verpuffen. Wenn dieser Mann recht hatte, dann wollte ich nicht weitermachen wie bisher, denn das hatte mich ganz unzweifelhaft auf den Holzweg geführt. Dann wollte ich etwas dagegen unternehmen.

Ich würde entspannen. Und zwar auf der Stelle. Jetzt. Sofort. Hier.

Ich würde mich genau hier, wo ich jetzt stand, ausgestreckt auf den Boden legen und die Augen schließen. Ich würde so lange mit geschlossenen Augen hier liegen bleiben bis ich spürte, dass ich entspannt hatte. Ich würde es aushalten, wenn Passanten über mich lachten, mit dem Finger auf mich zeigten oder sich sogar angewidert wegdrehten. Ich hatte nichts mehr zu verlieren.

Der Entspannung entgegen

Und so legte ich mich auf den Boden. Ich spürte den harten Asphalt und kleine Steinchen in meinem Rücken, doch ich war entschlossen, mich von nichts und niemandem von meinem Vorhaben abhalten zu lassen. Ich würde ab sofort nur noch daliegen und in mich hineinfühlen bis ich die Entspannung wahrnehmen würde.

Irgendetwas jedoch ließ mich noch nicht ganz zur Ruhe kommen. Es war meine Handtasche. Sie konnte möglicherweise zur Verlockung werden, wenn sie unbeobachtet neben mir lag und ich meine Augen geschlossen hielt. Kurzerhand schob ich sie unter meine Knie, sodass sie von meinem langen Rock überdeckt wurde.

Nun war ich bereit und meiner angestrebten Entspannung stand nichts mehr im Wege. Ich schloss meine Augen, faltete meine Hände auf meiner Brust und tat nichts mehr – außer auf die Entspannung zu warten. Bis diese sich einstellen würde, würde ich einfach beobachten, was in mir vor sich ging.

Wahrnehmen

Ich nahm den harten Boden unter meinem Körper wahr und die Steinchen. Ich nahm Menschen wahr, die an mir vorübergingen. Ich nahm wahr, dass manche interessiert stehen blieben, um zu sehen, was mit mir passieren, was ich weiter tun würde, doch es passierte nichts. Andere gingen verständnislos den Kopf schüttelnd weiter, wieder andere wagten gar nicht hinzusehen aus Angst, ich könnte eine ansteckende Krankheit haben.

Ich ließ mich von nichts von all dem aus dem Konzept bringen und lag einfach nur da und lag und lag und lag …

Mit der Zeit konnte ich tatsächlich eine Veränderung in meinem Körper spüren – das innere Vibrieren ließ langsam nach und machte mehr und mehr einem Gefühl der Ruhe und des Friedens Platz. In meinem Gesicht meinte ich sogar ein Lächeln wahrzunehmen.

Und dann geschah etwas, womit ich niemals gerechnet, woran ich nicht einmal in meinen kühnsten Traum gedacht hätte …

Der Forrest Gump Effekt

Ich hatte meine Augen immer noch geschlossen und spürte auf einmal, wie sich zu meiner Rechten jemand neben mich legte. Ganz dicht, ohne ein Wort zu sagen, ließ er sich Körper an Körper neben mir nieder und es fühlte sich angenehm, warm, weich und gut an.

Wir sprachen nicht und ich hielt weiterhin meine Augen geschlossen, als ich spürte, dass sich jetzt auch zu meiner Linken ganz dicht jemand neben mich legte. Ein weiterer kam und legte sich dazu und dann noch einer und noch einer und noch einer. Es wurden immer mehr und mehr und mehr …

Irgendwann waren wir so viele geworden, dass unsere Menschenkette bis in die nächste Stadt reichte. Immer mal wieder stand einer auf, wenn es ihm zu unbequem geworden war, und schon war ein anderer da, der wie selbstverständlich seinen Platz einnahm.

Hin und wieder fragte mich jemand, warum ich das tun und ob es nicht langsam unbequem werden würde. Ich antwortete, dass ich es tun würde, um zu entspannen und dass ich den Untergrund wohl spüren würde, er aber keine Bedeutung hätte.

Ich konnte jedes Mal ihre Überraschung wahrnehmen. Sie waren wohl der Meinung, dass ich in einer wichtigen Mission unterwegs war oder einen bedeutenden Auftrag hatte. Dass ich einfach nur entspannte und mit dieser Haltung so viele Menschen erreichte, erschien ihnen beinahe unmöglich.

Die kritische Masse

Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich spürte, dass für mich im Moment der höchste Grad an Entspannung erreicht war. Außerdem bemerkte ich zu meiner eigenen Überraschung, dass die ganze Sache eine Eigendynamik gewonnen hatte, bei der ich nicht mehr gebraucht wurde. Und so stand ich auf und ging genauso wie ich mich hingelegt hatte – ohne Worte.

Kurze Zeit darauf sah ich einen Bus voller Menschen. Als sie an mir vorbeifuhren erkannte ich sie auf einmal – jeden Einzelnen von ihnen. Es waren die Menschen aus meiner Kette, die mir nun voller Freude zuwinkten. Sie waren aufgebrochen und bereit, sich nun über die ganze Welt zu verteilen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.