Gott in der Schneeflocke

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.“ – Antoine de Saint-Exupéry

Im Tal der Liebe

Ich stand am Fenster meines Hotelzimmers und blickte hinaus. Es war Frühsommer im Deggenhausertal. Ich liebe dieses Tal, das im Volksmund auch „Tal der Liebe“ genannt wird. Es ist weithin bekannt für seine herrliche Landschaft und seine grandiosen Aussichten. An diesem Ort kann man wunderbar entspannen und zur Ruhe kommen, doch diesmal sollte etwas anders sein …

Es erstaunte mich, dass ich ausgerechnet hier ein Hotel bezogen hatte, wo ich doch in unmittelbarer Nähe wohnte. Und dann war da noch auch noch mein Nachbar. Ich hatte keine Ahnung, warum ich ausgerechnet mit ihm hier war. Bisher hatte sich unser Kontakt lediglich an der Oberfläche bewegt und nun sollte ich mit ihm ein Zimmer teilen?

Etwas liegt in der Luft …

Da er aber nun schon mal da war, wollte ich die Gelegenheit nutzen und herausfinden, in wieweit ihm mein Gedankengut und meine Weltsicht zugänglich waren. Mein Plan war, einige Themen anzuschneiden, die in meinem Leben eine wichtige Rolle spielten. Anhand seiner Reaktion würde ich dann entscheiden, ob ein näherer Kontakt mit ihm sich für mich lohnen würde oder nicht. Aus irgendeinem Grund, der mir selbst nicht ganz klar war, schien ich ihn testen zu wollen ..

Ich stand immer noch am Fenster. Die Stimmung war anders als sonst. Ich spürte, dass etwas in der Luft lag, konnte es jedoch nicht benennen. Trotz der hellen Jahreszeit und der wunderbaren Natur war es seltsam düster. Etwas Gewaltiges schien sich anzukündigen, jedoch konnte ich nicht sagen, ob es sich um Heil oder Unheil handelte. Wenn es nicht Frühsommer gewesen wäre, hätte ich schwören können, dass es gleich anfangen würde zu schneien …

Wunder

Dieser Gedanke brachte mich auf eine Idee. Ich wandte mich an meinen Nachbarn und sprach von Wundern und davon, dass es sogar möglich wäre, dass es jetzt, mitten im Sommer, anfangen könnte zu schneien. Überrascht stellte ich fest, dass ich gerade über etwas sprach, an das ich selbst nicht wirklich glaubte. Ich würde gerne an Wunder glauben, ich wünschte es mir sogar – das wurde mir in diesem Moment bewusst – doch es fiel mir schwer.

In diesem Moment verdunkelte sich der Himmel. Binnen Sekunden hatte er sich völlig zugezogen und mitten am hellichten Tag war es schwarz wie die Nacht geworden. Ein starker Wind zog auf und auf einmal klatschte bedeutungsschwer der Regen an die Fensterscheiben. Die Tropfen trafen mit einer solchen Wucht auf das Glas, dass es schien, als wollten sie so auf sich aufmerksam machen.

Ich zuckte zusammen vor Schreck. Ich fühlte mich wie in einem Horrorstreifen und vor meinem geistigen Auge sah ich bereits irgendwo eine blutende Madonna auftauchen. In mir fing es an zu vibrieren und plötzlich hatte ich die Gewissheit, dass hier etwas Ungewöhnliches im Gange war. Der Regen war wie ein Bote, der das Erscheinen von etwas Bedeutendem ankündigte.

Schneefall im Sommer

Der Gedanke, gleich Zeugin eines bedeutungsvollen Ereignisses zu werden, hatte mich ganz aufgeregt werden lasssen. Meine Angst war wie weggeblasen. Trotz des Unwetters öffnete ich das Fenster. Ich wollte nicht, dass irgendetwas zwischen meinem Erleben und dem stand, was sich gleich ereignen würde. Wie elektrisiert starrte ich nach draußen und wartete auf das, was da kommen wollte.

Auf einmal wurde ich gewahr, dass die Regentropfen immer mehr zu Schneeflocken wurden. Ich konnte kaum glauben, was sich hier vor meinen Augen abspielte. Direkt vor meinen Augen tanzten Millionen von Schneeflocken. Fasziniert beobachtete ich dieses winterliche Treiben mitten im Sommer, als sich auf einmal eine einzelne Schneeflocke aus dem Meer der anderen abhob.

Sie strahlte etwas aus, das meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Diese Schneeflocke war überdimensional groß und schwebte langsam aber beständig dem Boden entgegen. Noch niemals zuvor war ich von etwas so angezogen worden und so fasziniert gewesen wie von dieser Schneeflocke.

Gott in der Schneeflocke

Sie hatte eine Ausstrahlung, der man sich nicht entziehen konnte. Sie war von einer Erhabenheit und Klarheit, die nicht zu beschreiben waren. Sie strahlte vollkommene Ruhe und eine Größe aus, die mich zutiefst beeindruckte und mich im Innersten berührte.

Das Auffälligste war, dass die einzelnen Kristalle deutlich zu erkennen waren. Ich konnte sehen, dass sie alle miteinander verbunden waren und dass in dieser Verbindung eine perfekte Ordnung herrschte. Doch das war noch nicht alles, denn in dieser Ordnung zeigte sich außerdem ein fantastisches Muster von unbeschreiblicher Schönheit.

Ich betrachtete die Schneeflocke, wie sie majestätisch an mir vorbeiglitt und auf einmal traf mich die Erkenntnis wie ein Blitzschlag – dies war Gottes Werk, in dieser Schneeflocke offenbarte er mir seine ganze Herrlichkeit. Ich war zutiefst ergriffen.

Mein Nachbar

Auf einmal war ich ganz aufgeregt. Diese Schneeflocke war der Beweis für die Existenz Gottes und ich musste sie augenblicklich meinem Nachbarn zeigen. Er musste sie unbedingt gesehen haben, bevor sie wieder weg war!

Ich spürte das tiefe Bedürfnis, dieses Erleben mit ihm zu teilen und rief ihn eilig herbei. Doch er ließ sich Zeit. Ganz gemächlich kam er angeschlendert und wirkte nicht gerade so, als würde ihn Aufregendes erwarten. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, das ich mir nicht erklären konnte. Als er beim Fenster angekommen war, war von der Schneeflocke nichts mehr zu sehen.

Ich war enttäuscht, dass er sie nicht mehr gesehen hatte, denn nun wusste ich nicht, für wie glaubwürdig er mich halten würde. Aber da war ja immer noch der Schneefall mitten im Sommer …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.