Über den Tod hinaus

„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“  –  Jesus von Nazareth

Angst

Der Untergang stand bevor. Ich wusste, dass wir sterben würden. Alle. Das Ende war unausweichlich. Es fühlte sich schwarz und bedrohlich an. Bodenlos. Der freie Fall. Ganz tief in mir drin konnte ich meine Angst spüren. Bis jetzt hatte ich sie immer noch gut in Schach gehalten, bisher hatte ich ihr keinen Raum gegeben, in dem sie sich hätte ausbreiten können. Doch nun schob sie sich langsam nach oben …

Hoffnung

Obwohl ich wusste, dass unser Tod bevorstand, wollte ich es immer noch nicht richtig wahrhaben, wollte ich immer noch nicht endgültig aufgeben. Alles in mir wehrte sich gegen den Gedanken, dass wir auf das Ende zusteuern sollten, das Ende von uns allen, das Ende der Welt. Dennoch war mir ein letzter Funke verzweifelter Hoffnung irgendwie geblieben.

Zumindest wollte ich nicht, dass jeder von uns einsam und alleine sterben würde. Ich wünschte mir, dass viele Menschen sich zusammentun und eine Gemeinschaft schaffen würden, in der man sich gegenseitig Halt gab. Ich hatte die Hoffnung, dass so Streit und Zwistigkeiten zwischen den Einzelnen beigelegt werden konnten. Es war mein Wunsch, dass die Menschen sich versöhnen würden angesichts des Todes, um ihr Augenmerk auf das richten zu können, was wirklich wichtig war – gegenseitige Unterstützung, Friede, Liebe.

Jesus

Plötzlich stand er vor mir. Ich hatte ihn zunächst gar nicht wahrgenommen. Er sah überhaupt nicht aus wie der Jesus, den wir uns immer vorstellen. Er wäre mir auch nicht weiter aufgefallen, wenn nicht sein Blick gewesen wäre.

Dieser Blick war magisch, er zog mich völlig in den Bann. Es war, als könnte er in mich hineinsehen. Es war ein Alles durchdringender Blick – wie Röntgenstrahlen machte er Unsichtbares sichtbar.

Jesus sprach kein Wort und sah mich nur an. Es war auch überhaupt nicht nötig, dass es etwas sagte. Durch seine absolute Präsenz erübrigte sich jedes Wort, seine Worte waren seine Blicke und diese schienen zu sagen: „Alles ist gut.“

Zweifel

Trotz dieser eindringlichen und zutiefst ergreifenden Begegnung, spürte ich immer noch Zweifel an mir nagen. Wieso sollte Jesus ausgerechnet mit mir in Kontakt treten? Wieso bemerkte niemand außer mir, dass hier Jesus stand? In diesem Moment antwortete mir sein Blick: „Du kannst es ruhig glauben, ich bin es wirklich.“

Seine Nähe hatte etwas ganz Beruhigendes, ich fühlte mich sicher, in Wärme gehüllt und völlig geborgen. Warum war er gekommen? Vor dem Tod würde er uns nicht bewahren, was auch überhaupt nicht seine Absicht war, das konnte ich ganz klar an seinem Blick erkennen. Wieso also war er gekommen, wenn nicht um uns zu retten?

Sehnsucht

Ich spürte einen Schmerz in mir. Ich fühlte mich völlig zu ihm hingezogen und hatte Gefühle als wäre ich frisch verliebt. Ich spürte eine Sehnsucht – die Sehnsucht danach, geliebt zu werden. Ich sehnte mich nach seiner ungeteilten Aufmerksamkeit, seiner ausschließlichen Zuwendung.

Ich fühlte die Schamesröte in mir hochsteigen, als ich mir dieser Gefühle bewusst wurde und gleichzeitig wusste ich, dass er mir nicht geben würde, wonach mir so verlangte. Diese Sehnsucht war ein Verlangen des Egos, hervorgerufen durch Mangelgefühle, die emotionale Löcher in mir geschaffen hatten, die ich hoffte, durch Zuwendung von Anderen stopfen zu können.

Diese Sehnsucht hatte mit Liebe nichts zu tun. Jesus aber war die Liebe und er war gekommen, diese Liebe zu geben – allen Menschen. Er war nicht gekommen, um unsere Egos zu füttern. Das jedoch zu erkennen, ließ er bei uns.

Liebe

Auf einmal war ich ganz aufgeregt. Ich musste es unbedingt auch Anderen mitteilen, ich musste so viele Menschen wie möglich zusammentrommeln, damit sie von Jesus Anwesenheit erfuhren. Doch dann fiel mir ein, dass sie mich bestimmt auslachen würden, wenn ich ihnen sagen würde, dass Jesus unter uns ist.

Mir war klar, dass meine Wort keine Wirkung haben würden, sie mussten es selbst erfahren, Jesus Gegenwart fühlen. Und so verbreitete ich nur, dass wer auch immer es möglich machen könnte, heute Abend zu mir kommen sollte, es wäre sehr wichtig. Mehr gab ich nicht Preis, ich baute auf ihre Neugier.

Es kamen viele. Wir saßen alle am Boden und ich versuchte, gemeinsam mit ihnen zu beten und zu meditieren. Sie sahen mich immer noch fragend und erwartungsvoll an, als auf einmal Jesus dastand.

Wieder sprach er nichts, doch augenblicklich veränderte sich die Energie im Raum. Jeder Einzelne konnte es fühlen, spürte die Ruhe, die Liebe, den Frieden, die Erhabenheit, die in der Luft lagen, doch keiner hatte ein Erklärung dafür. Niemand hatte Jesus erkannt und als ich es ihnen sagte, erntete ich nur ungläubiges Kopfschütteln.

Mir fiel auf, dass alle Anwesenden vor Nässe glänzende Körper hatten. Woher kam das? Was hatte das zu bedeuten?

Abschied

Mehrere abendliche Zusammenkünfte hatten stattgefunden und immer verliefen sie gleich. Die Anwesenden nahmen die besondere Energie im Raum wahr, doch keiner brachte sie mit Jesus Gegenwart in Verbindung.

Eines Abends waren wir alle nach dem Treffen noch vor der Türe versammelt, um uns langsam zu verabschieden. Es war Winter und draußen war es kalt. Da traf mich Jesus Blick und in diesem Moment wusste ich, dass seine Aufgabe hier erfüllt war. Der Zeitpunkt war gekommen, dass er wieder gehen würde. Ein Schmerz durchfuhr mich. Das durfte nicht sein! Er durfte uns nicht verlassen!

Und wieder spürte ich Zweifel in mir aufkommen: war er es wirklich? Da traf mich noch einmal sein Blick und ich nahm die Wärme und die Zuneigung wahr, die aus ihm sprachen. Es war mehr als Wärme. Es war Liebe, bedingungslose Liebe. Jesus liebte mich, aber er wusste auch um die Lektionen, die ich noch zu lernen hatte. Es war nun an mir, die nächsten Schritte zu gehen.

Gewissheit

Dieser letzte Blick voller Liebe, Wärme, Zuneigung und Annahme sagte mir noch einmal: „Ich bin es.“ Danach drehte er sich um und ging. Ich spürte Tränen in meinen Augen brennen, als ich ihm hinterher sah.

In diesem Moment fiel mein Blick auf einen Rosenbusch und dann sah ich, dass auf einmal wie im Zeitraffer die Knospen anfingen zu blühen. Ich traute meinen Augen kaum, es war doch Winter! Doch das war noch nicht alles …

Nachdem der Dornenbusch in voller Pracht erblüht war, fing er auf einmal Feuer. Wie gebannt stand ich vor dem lodernden Busch. Durch die Flammen sah ich Jesus Silhouette am Horizont verschwinden. Doch er hatte mir etwas zurückgelassen. Das Geschenk des Dornenbusches. Er hatte mich nicht alleine gelassen mit meinen Zweifeln. Er hatte mir ein Geschenk gemacht, das mir nun dabei half, meine letzten Zweifel endgültig zu überwinden.

Ich sah zu den anderen hinüber. Sie standen immer noch da und unterhielten sich. Bis jetzt hatte keiner von ihnen etwas bemerkt. Es blieb nicht mehr viel zu tun für mich. Das Einzige, was ich jetzt noch tun musste, war, sie auf den blühenden und brennenden Dornenbusch aufmerksam zu machen.

Als sie ihn wahrnahmen, erstarrten sie und in diesem Moment hatten auch sie begriffen. Es war wirklich Jesus gewesen. Da fielen sie auf die Knie und fingen an zu beten, zu weinen und zu wehklagen. Es waren Tränen der Ergriffenheit angesichts der Wahrheit. Gleichzeitig waren es Tränen des Selbstmitleids, weil sie die Wahrheit nicht früher erkannt hatten und Jesus nun wieder weg war.

Und mit einem Mal wusste ich, warum Jesus gekommen war. Er war nicht gekommen, um uns vor dem Tod zu bewahren. Er war gekommen, um unsere Seelen zu retten.

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