Vom Schatten ins Licht

„Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, der in uns ist, zu manifestieren.“ – Marianne Williamson

Er war ein alleinerziehender Vater und er war reich, unermesslich reich. Er war so reich, dass sein Reichtum niemals enden würde. Genau dieser Mann suchte ein Kindermädchen für seinen Sohn. Doch er suchte nicht irgendein Kindermädchen – er suchte mich … Ja, mich!

Ich spürte, dass er mich liebte, dass er mich schon immer geliebt hatte. Er wusste von jeher, dass es mich gab und nun war die Zeit gekommen, dass er mich zu sich holen wollte …

Er war sich seiner Sache absolut sicher und hatte die ganze Zeit auf mich gewartet. Er würde auch weiterhin so lange auf mich warten, bis ich bereit war, mich in seinem Leben zu zeigen. Doch er war nicht ungeduldig. Er war voller Langmut und hatte alle Zeit der Welt. Ich konnte es deutlich spüren, dass er auf mich wartete, doch immer noch gab es Befürchtungen in mir, dass er nicht wirklich mich meinte. Aber er meinte mich, genau mich und ich konnte sein beständiges, lautloses, liebevolles Rufen hören. Irgendetwas zog mich magisch zu ihm hin.

Ich wusste, dass Geld für ihn keine Rolle spielte und materielle Dinge für ihn so selbstverständlich waren, dass er ihnen keine besondere Bedeutung zumaß. Und er hatte nur einen einzigen Wunsch – er wollte mich glücklich sehen, er wollte mich mit allem beschenken, was mein Herz begehrte. Er wollte mich lieben, halten und tragen und er wollte, dass ich mich um nichts kümmern musste.

Ich sollte den Kopf frei haben für das, was ich wirklich tun wollte. Er wollte es mir möglich machen, so leben zu können, wie es meinen Neigungen entsprach. Ich sollte meine Talente leben und Dinge tun können, die mein Herz zum Singen brachten und mich glücklich machten. Und das wäre genau das, was wiederum ihn zutiefst beglücken würde. Er wollte mir den Raum geben, meine Fähigkeiten zu entwickeln und zur Blüte zu bringen.

Jetzt lag er auf einem Liegestuhl in seinem Garten, sein Sohn spielte zu seinen Füßen. Es war ein wunderschöner und sehr gepflegter Garten und auf einmal stellte sich mir eine Frage … Was war der Grund, dass dieser Mann ein Kindermädchen für seinen Sohn suchte? Er liebte seinen Sohn über alles, er war das Wichtigste in seinem Leben und ich spürte genau, dass er nicht wirklich ein Kindermädchen für ihn brauchte. Wieso also wollte er ihn in fremde Hände geben? Auf einmal wusste ich die Antwort: Er musste den Weg über seinen Sohn gehen, weil ich anders niemals auf ihn aufmerksam geworden wäre. Er musste mir seinen Sohn anbieten, damit ich zu ihm finden konnte …

Da hörte ich ihn rufen: „Wo bist du?“ Er meinte mich, er meinte wirklich mich und er wusste, dass ich ganz in der Nähe war. Zu meiner Überraschung hörte ich mich selbst antworten: „Ich bin hier!“, doch ich konnte niemanden sehen. Im selben Moment konnte ich erkennen, dass direkt an den Garten ein Maisfeld grenzte, das schon sehr hoch stand. Und dann entdeckte ich mich selbst. Ich hatte mich in dem Maisfeld versteckt, weil ich Angst davor hatte, mich zu zeigen. Ich hatte Angst davor, gesehen zu werden, so gesehen zu werden wie ich war.

Ich sah mich selbst, wie ich immer wieder in die Höhe sprang, um einen Blick über die Maispflanzen in den Garten werfen zu können. Gleichzeitig hatte ich die Hoffnung, dass er mich in meinem Versteck entdecken und dort herausholen würde. Doch er hatte nicht vor, mich aus dem Maisfeld  zu holen – das musste ich selbst tun. Er hatte alle Zeit der Welt und er würde auf mich warten – solange bis ich bereit war, meine schützende Deckung zu verlassen und mich ihm zu zeigen – so wie ich war.

In diesem Moment wurde mir bewusst, welche Angst ich vor seiner Liebe hatte. Er hatte mir so viel zu geben, er wollte mir alles geben und ich hatte Angst, so viel Liebe nicht verkraften zu können und vor allem, dieser Liebe nicht würdig zu sein. Ich spürte, dass er mich genauso liebte – genauso wie ich war – und trotzdem hatte ich immer noch Angst. Er wusste aber ganz genau, dass ich erst dann bereit sein würde, all das empfangen zu können, was er mir schenken wollte, wenn ich mich ihm zeigen konnte. Und mich ihm zeigen zu können bedeutete gleichzeitig, dass ich mich selbst annehmen konnte so wie ich war.

 

♦ ♦ ♦ 

 

Für all diejenigen, die sich ebenfalls noch irgendwo im Maisfeld befinden ist hier der ganze Text von Marianne Williamson:

Unsere größte Angst ist nicht, unzulänglich zu sein.
Unsere größte Angst ist, grenzenlos mächtig zu sein.
Unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, ängstigt uns am meisten.
Wir fragen uns: wer bin ich denn, dass ich so brillant sein soll?
Aber wer bist du, es nicht zu sein? – Du bist ein Kind Gottes.
Es dient der Welt nicht, wenn du dich klein machst.
Sich kleinzumachen, nur damit sich andere um dich herum
nicht unsicher fühlen, hat nichts Erleuchtetes.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,
der in uns ist, zu manifestieren.
Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem Einzelnen.
Und wenn wir unser Licht scheinen lassen, geben wir damit
unbewusst anderen die Erlaubnis, es auch zu tun.
Wenn wir von unserer Angst befreit sind,
befreit unsere Gegenwart automatisch die anderen.

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